mehr als wohnen

Der architektonische Masterplan

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«Dicke Typen», so nennen die Architektinnen und Architekten von Duplex und Futurafrosch die Häuser ihres Masterplans. Massig und als Bautyp irgendwo zwischen Blockrand und Punkthaus provozieren diese Gebäude eine solche Wortschöpfung. Manche sind über 30 Meter dick und 22 Meter hoch. Und sie stehen bis zu 9 Meter eng nebeneinander. Die Gassen, die sie trennen, sind baumbestanden, dehnen sich bald zu einem Plätzchen oder treffen auf eine breitere Strasse. Enge und weite Räume laden die Bewohner zu Rückzug oder Austausch ein. Ausserdem verbinden sie das Hunziker Areal mit der unmittelbaren Umgebung – in der Hoffnung, dass die Areale, die sich in den nächsten Jahren noch wandeln werden, den Faden aufnehmen: Das Hunziker Areal will zum Identitätsträger Leutschenbachs werden. Rund um den zentralen Hunzikerplatz sollen nicht nur Genossenschafter Boule spielen, sondern auch Nachbarn flanieren und Anzugträger zu Mittag essen – «Idaplatz für alle» nannte man diesen Ort nach dem Wettbewerb und legte damit die Latte hoch: städtische Aussenräume mit Vorbildern aus der Gründerzeit und bezahlbare Wohnungen mit Blick auf den Platz.

Doch wie macht man aus eng nebeneinanderstehenden grossen Baukörpern nicht nur preisgünstige, sondern auch gut belichtete Wohnungen? Und wie macht man aus 13 Häusern von fünf unterschiedlichen Architekturbüros ein zusammenhängendes Quartier und keine Mustersiedlung? Nicht mit einem wasserdichten Regelwerk und nicht mit Druck von oben, fand die Arbeitsgemeinschaft aus den Architekturbüros Duplex und Futurafrosch sowie Illien Müller Landschaftsarchitekten, sondern mit lockeren Spielregeln und möglichst viel Austausch. Sie entwarfen den Ablauf des Prozesses, trafen sich ein halbes Jahr lang mit allen Architekten und der Baukommission und fragten: Welche Wohnungen und Erschliessungsräume ermöglichen die «dicken Typen»? Welchen Charakter haben die Aussenräume? Zu welcher Tageszeit sind sie belebt? In diesen Workshops erarbeitete man gemeinsam sechs Spielregeln, die Duplex / Futurafrosch in einem Büchlein zusammenfassten – Regeln, die einschränken, und andere, die Möglichkeiten eröffnen.

Regel 1 gab die Mantellinien der Bauvolumen vor und die Geschosshöhen. Regel 2 legte fest, dass zwölf Prozent des Volumens aussen oder innen weggeschnitten werden muss, ausser am Sockel. Regel 3 verlangte eine Gliederung der Gebäude in Sockel, Schaft und Dachabschluss. Regel 4 sah in den Erdgeschossen entweder vier Meter hohe Räume mit öffentlicher oder gemeinschaftlicher Nutzung oder Wohnräume in 2,9 Meter hohen Hochparterreräumen vor. Regel 5 verlangte die Eingänge zu den Treppenhäusern an den seitlichen Strassen und Regel 6 repräsentative Fassaden am zentralen Platz siehe «Regelwerk». Dem Dialog der Beteiligten sollte der Dialog der Häuser folgen – ein Austausch, der, so hoffte man, das Fehlen einer charaktergebenden Nachbarschaft wettmache, wie sie sonst die gewachsene Stadt bietet.

Die beiden Masterplan-Büros entwarfen selbst je zwei Gebäude und teilten jedem der anderen Architekturbüros drei Häuser zu: zwei unmittelbar benachbarte und eines möglichst weit von diesen beiden entfernt. Diese «Zwillinge» plus ein «Geschwister» sollten sicherstellen, dass das Quartier nicht in einzelne homogene Bereiche auseinanderfällt, sondern übers Ganze einen gewissen Zusammenhalt besitzt. Aber man suchte auch die experimentelle Vielfalt, sowohl die geometrischen Regeln wie das Farb- und Materialkonzept liessen Abweichungen und andere Interpretationen zu. Die Genossenschaft legte den Nutzungsmix der einzelnen Häuser fest. Auf konstruktiver Ebene suchte sie die Vielfalt noch zu steigern und rief die Schweizer Bauindustrie dazu auf, innovative Produkte einzubringen – allerdings mit mässigem Erfolg.

«Verwandtschaften und Wahlverwandtschaften bei gleichzeitiger Selbständigkeit der einzelnen Teile», so lautete die Wunschvorstellung von Duplex / Futurafrosch. Eine bemerkenswerte Haltung, die anders als heute üblich auf ein möglichst homogenes Bild der europäischen Stadt schielt, wie dies beim Richti-Areal in Wallisellen oder dem Limmattfeld in Dietikon erwünscht war und ist. Stattdessen vertraute man dem Können und der Verantwortung der entwerfenden Kollegen. Geht man heute über das Hunziker Areal, so ist dort die «Selbständigkeit der einzelnen Teile» präsenter als die «Verwandtschaften und Wahlverwandtschaften». Auch, weil die Masterplaner nach der Übergabe des Projekts an den Totalunternehmer kein Mandat mehr hatten, ihr Regelwerk zu kontrollieren und den Dialog weiter zu moderieren. Trotzdem: Die «dicken Typen» schaffen Aussenräume von hoher Dichte und urbaner Qualität. Eher Quartier als Siedlung. (Text: Hochparterre, SI)